Ich lebe jetzt mit Manuel Neuer

Meine Kinder erfüllen in mancher Hinsicht sämtliche Klischees. Meine Tochter spielt und umsorgt am liebsten ihre Puppen und die zweite Leidenschaft ist es, sich umzuziehen, hauptsächlich Kleider anzuziehen und sich zurecht zu machen. Am ersten Tag der Quarantäne wollte sie, dass ich ein Dirndl anziehe, denn ist man schön, ist auch die Quarantäne schön. Weisheiten einer Vierjährigen, die sich jeden Tag aufbrezelt, als geht es auf den Laufsteg.

Mein Sohn brannte als er kleiner war für die Feuerwehr und jetzt gibt es nicht größeres als Fußball für ihn. Ich mag Fußball und bin ein großer Arsenal-Fan und er spielt seit einem Jahr Fußball im Verein, aber seitdem er in der Schule ist, ist Fußball das größte. Anders als viele andere will er nicht Tore schießen, sondern sie halten. Seine Passion: Torwart! Er hat mir auch schon offenbart, wie er sich selbst so sieht: Wenn ich groß bin, spiele ich wie Immanuel Neuer! Der Versuch ihm beizubringen, dass er wahrscheinlich Manuel Neuer meinte, scheiterte anfangs kläglich. Jemand in der Klasse hieß Immanuel und daher war es einfach auch Immanuel Neuer. 

Seither kommt er fast täglich – wenn wir nicht gerade in Quarantäne sind – mit kaputten Hosen nach Hause. Das Wichtigste ist nämlich, dass man sich als Torwart permanent hinschmeißt. Es ist mittlerweile auch sehr selten geworden, dass man ihn stehen sieht. Er rennt und schmeißt sich voller Eifer mal rechts und mal links hin. Es braucht auch keinen Ball, denn so üben Torwarte das nämlich. Selbst beim Trampolin springen wird nur noch die sogenannte Torwartbombe geprobt, bei der man erst hochspringt und sich dann zur Seite schmeißt.

Was ganz nett klingt, ist auf Dauer etwas anstrengend. Auch wenn wir sagen, dass wir uns den Ball zupassen, ist jeder Ball eine Herausforderung für ihn und wird im Flug genommen. Er geht sogar freiwillig in den Garten um zwischen den Schaukeln, den imaginären Ball zu halten. Zum Geburtstag gab es eine Torwand, damit er auch alleine etwas kicken kann. Der Protest war immens: „Mach diese Wand weg – das bin ich, denn ich will die Bälle halten.“ 

Nur Immanuel Neuer gewinnt die Champions League im Alleingang…

Wenn man mit ihm beispielsweise im Auto unterwegs ist und er angeschnallt ist und sich nicht nach links und rechts auf den Boden schmeißen kann, spricht er leider auch nur von Manuel Neuer. Vom Verdienst über Trainingsmethoden – es gibt auch im Redefluss kein Halten mehr. Und so legt er sich seinen Plan schon mal gedanklich zurecht und verspricht mir, dass er  – wie Manuel Neuer – ganz alleine die Champions League gewinnen wird und dann so viel Geld verdient, dass er sich ganz viel Lego kaufen kann. Eben wie Manuel Neuer 😉 Anzeige wegen Namensnennung

Dinge, die man morgens nicht hören will

Eltern kennen diesen Zustand nur zu gut. Man wird morgens aus dem Schlaf gerissen, weil die lieben Kleinen den neuen Tag begrüßen wollen. Meist zu Unzeiten, aber das legt sich ja im Laufe der Zeit. Mit meinem Sohn, als er ungefähr zwei Jahre alt war, war ich auch gerne mal morgens um 7 Uhr auf dem Spielplatz. Doch man muss das immer positiv sehen: morgens um 7 Uhr hat man den Spielplatz noch für sich und es gibt keinen Streit mit anderen Kindern um die Sandförmchen.

Mittlerweile schlafen beide Kinder besser, wenn auch nicht zwingend sehr lang. Und während man sie unter der Woche jedes Mal brav wecken muss, ist es Gesetz, dass sie am Wochenende von selbst aufstehen und das meist auch noch viel zu früh. Doch nicht nur wir Eltern sind um diese Zeit nicht unbedingt ausgeschlafen und bestens gelaunt, auch die Kleinen suchen noch nach ihrer Tagesform. Was sie aber immer sofort finden, sind ihre Ansprüche. Das endet meist in Diskussionen, die kein Mensch und schon gar nicht am frühen Morgen braucht. Meist ist das Corpus Delicti die morgendliche Milch. Man kommt fröhlich mit der Milch ins Zimmer, denkt sich nichts Böses und was kriegt man zu hören: „Das ist nicht meine Flasche! Ich will die blaue!“ oder „Die Milch ist viel zu heiß!“ dicht gefolgt von „Die Milch ist so kalt!“ Wie man es macht…

Doch manchmal sind sie in der Früh auch sehr aktiv. So kam es vor, dass Opa, als er bei uns übernachtet hatte, morgens dachte, ein SEK-Trupp stürmt sein Zimmer. Mein Sohn stiefelte mit seinem Playmobil-Hubschrauber inklusive blauer LED-Leuchte im Stockdunkeln nach unten und stürmte mit Lichtshow und Sirene das Zimmer. Da war ich doch ganz froh, dass mein Vater hart im Nehmen war und keinen Herzinfarkt bekam.

Beim letzten Mal traf es mich – zwar nicht ein Polizeieinsatz, aber ebenfalls sehr fragwürdig. Meine Tochter war kurz nach fünf wach. Ich schleppte sie zurück in ihr Bett, legte mich dazu und war voller Hoffnung, dass sie nochmal einschlafen würde. Es war ganz ruhig und ich schloss meine Augen – bis zum entscheidenden Moment: „Weißt du Mama, was ich in meinem Bett habe?“ Ich grummelte nur irgendetwas und meine Tochter sagte freudestrahlend: „Ein Xylophon!“ und spielte fröhlich darauf los. So schnell wach war ich gefühlt noch nie und ich stelle mir gar nicht die Frage, warum man ein Xylophon in seinem Bett haben muss. Was für ein einzigartiger Start in den Tag…

Dress for success

Ich gehöre zwar zu den Menschen, die morgens die Augen aufschlagen und wach sind. Das heißt aber nicht, dass ich direkt am Morgen Drama und Diskussionen brauche. Doch meine Kinder haben einen starken Willen und gerade meine Tochter weiß, was sie will und setzt sich willensstark dafür ein. Das beginnt jeden Morgen mit der Kleidungsdiskussion. Meist übernimmt das mein Mann, doch als an diesem Morgen wieder hitzig diskutiert wurde, eilte ich zur Hilfe.

„Was ist denn los?“ „Ich will das blaue Kleid mit den roten Rosen anziehen,“ heulte meine Tochter. Ich dachte kurz nach und konnte mich an kein entsprechendes Kleid erinnern. „Meinst du das grüne mit den bunten Blumen?“ „Nein!“ Ich durchsuchte weiter fleißig den Kleiderschrank. „Hier das rosane mit den roten Blumen?“ Sie guckte mich böse an: „NEIN!“ Ich verzweifelte langsam: „Du hast kein blaues Kleid mit Blumen!“ „Habe ich doch!“ „Wo soll das denn sein? Im Schrank ist es nicht.“ Mein Mann schritt ein, da mein Frustrationslevel nach oben schnellte. „Vielleicht ist es in der Wäsche?“ Er rannte los und durchsuchte alles. Wie soll man denn ein Kleid finden, welches es gar nicht gab?

Er kam triumphierend wieder: „Ich habe es gefunden. Es hängt noch auf der Wäscheleine.“ Meine dreijährige Tochter guckte mich sehr vorwurfsvoll an: „Ich hab doch gesagt, dass ich ein blaues Kleid mit roten Blumen habe.“ Als ich es sah, fiel es mir wieder ein: „Ist ja gut. Das hatte ich vergessen,“ gestand ich ehrlich. Doch der Frieden hielt nicht lange. „Wir haben nur ein Problem,“ fügte mein Mann ein: „Es ist nass!“ „Das macht nichts,“ sagte meine Tochter schnell: „Ich ziehe es an und es kann an mir trocknen. Ich bin warm, aber ich habe kein Fieber.“ Der Blick ging wieder in meine Richtung. Ich war vielleicht immer etwas schnell mit dem Fieberthermometer…. Ich guckte meinen Mann an und wir beiden wussten, dass wir vor einer endlosen Diskussion standen würden, wenn das Kleid wieder zurück auf die Wäscheleine wandern würde.

Das Ende vom Lied: Mein Mann föhnte das Kleid und meine Tochter stand freudestrahlend daneben. Da hallte es auch schon aus dem anderen Kinderzimmer: „Wo ist meine gestreifte Unterhose? Ohne meine gestreifte Unterhose gehe ich nirgendwo hin!“ Ich hatte nichts gehört, verschwand in die Küche und brauchte erstmal einen Kaffee. 

„Rüdiger muss leben!“

Ich weiß nicht, ob es an den 30 Grad und der Sonne liegt, oder ob die Kreativität meiner Kinder einfach mal wieder mit ihnen durchgegangen ist. Heute kam mein Sohn zu mir und verkündete stolz: „Mama, wir haben eine neue Lebensaufgabe: Rüdiger muss leben!“ Gab es ein neues Kind im Kindergarten dessen Name ich vergessen habe? Ist Rüdiger ein Kuscheltier, von dem ich nichts weiß? Wer oder was ist Rüdiger und warum muss er leben? Ist er krank? Fragen über Fragen, auf die ich keine Antwort bekam, denn die Mission Rüdigers Leben zu retten war im vollen Gang.

Wer sich fragt, wer oder was Rüdiger ist – hier kommt die Auflösung: Es gibt Rüdiger und es gibt viele kleine Rüdiger! Rüdiger kann tausende Eier abwerfen, aus denen dann kleine Rüdiger schlüpfen. Die Antwort ist also glasklar: Rüdiger ist eine Pflanze. Ich habe meine Kinder gebeten, dass Wasser aus unserem Pool aka Planschbecken zu schöpfen und die Blumen zu gießen. Aus dieser banalen Aufgabe wurde ein Kampf um Rüdigers leben. Wir haben Himbeeren, Blaubeeren, Johannbisbeeren, aber die echte Größe in unserem Garten scheint Rüdiger zu sein. Ein undefinierbarer Busch. Wir von der Tarantel gestochen rannten sie mit ihren wassergefüllten Eimern und gossen Rüdiger, um sein Leben zu retten.

Doch auch die kleinen Rüdigers / Rüdigere / also die Mehrzahl von Rüdiger musste gerettet werden. So goss man einfach jede Menge Wasser auf sämtliches Unkraut, also Rüdiger, und die, die nach der Flut noch den Kopf oben halten konnten, waren gerettet. Ganz naheliegend eigentlich 😉

Lang lebe Rüdiger!

Dass meine Kinder im Zoo und Wildpark alle Tiere mit einem fröhlichen „Hallo“ begrüßen oder mit dem entsprechenden Tiergeräusch – daran habe ich mich gewöhnt, aber dass sie jetzt auch mit Pflanzen sprechen. Zum Glück steht Rüdiger neben dem Klettergerüst. Daher kann man wunderbar Rüdiger beim Wachsen zusehen und ihm Durchhalteparolen wie „Du schaffst das, Rüdiger!“ zurufen. Auch seine Blätter werden gestreichelt und die herabfallenden vergraben. Das ergibt dann neue Rüdiger. 

Manchmal wüsste ich zu gerne, was in den Köpfen meiner Kinder vorgeht. Oder in denen meines Nachbars, der entspannt ein Sonnenbad nahm, bevor er Zeuge vom Kampf um Rüdigers leben wurde….

Sind wir nicht alle ein bisschen Corona?

So langsam hat sich Corona und die damit verbundenen Einschränkungen in mein Leben und in den Alltag geschlichen und sind dort fest verankert. Seit neustem schaue ich auch bei Filmen oder Serien genauer hin. Es kommt ganz automatisch, aber man sieht Menschen bei einem Meeting oder unterwegs und schon ploppt es in meinem Kopf auf: „Und was ist mit dem Mindestabstand?“ Auch bei manchen Serie, die aktuell unter Corona-Bedingungen gedreht und fortgeführt werden, sieht man an den Szenen, dass die Bestimmungen eingehalten werden, und bei manch Schauspieler war auch noch der Frisörbesuch anfangs nicht drin.

1,5 Meter lautet die Wunderwaffe 😉

Doch nicht nur beim Fernsehen denke ich an Corona. Letztlich musste meine Tochter tagsüber öfters niesen und als sie abends auch noch etwas verschnupft war, herrschte sofort Ausnahmezustand. Das Kind kann nicht in den Kindergarten, ihr Bruder bleibt auch zu Hause und mit Thermometer bewaffnet versuchte ich, die Situation in den Griff zu kriegen. Es war Fehlalarm und beide Kinder topfit, aber im Hinblick auf den Herbst und die kommende Erkältungszeit vielleicht eine gute Übung. Meinen Kindern fließt – auch schon vor Corona – meist von Oktober bis März die Nase. Wie soll das in diesem Jahr dann nur werden? Kinder wurden schon aus dem Kindergarten nach Hause geschickt, weil sie sich verschluckt hatten. Das wird mal wieder ein (Alp-)Traum.

Was mich allerdings am meisten an diesem Tag als die Kinder krank waren, faszinierte und gleichzeitig schockierte, war, dass wir sofort gefühlt wieder im Lockdown saßen. Der Tagesablauf war ohne etwas sagen zu müssen, identisch zu den zehn Wochen Home Office mit Kindern. Erst ließen sie mich arbeiten, dann stand Vorschule auf dem Programm, eine Runde Bewegung an der frischen Luft, Mittagessen, Ruhepause, freies Spielen und erneut Bewegung. Für mich fühlte es sich so an, als hätte es nie normalisierte Wochen dazwischen gegeben. Es war sofort wieder da! Und auch, dass die Kinder direkt mit in den Corona-Quarantäne-Trott fielen, macht mich etwas stutzig.

War das unser neues normal und die Entspannungsphasen mit geregeltem Kindergarten und Co nur eine Ausnahme? Sind wir jetzt alle in bisschen Corona? Ich weiß es nicht und ich weiß nicht, was kommt. Doch eins ist sicher: ich bin sofort startklar. Wenn ich eins gemerkt habe, dass ich den Lockdown wohl noch mehr in mir trage als mir lieb ist. Aber wer weiß, wofür es gut ist. Bei der Kindergarteneingewöhnung im September dürfen Stand jetzt die Eltern nicht mit ins Gebäude. Ja, wie auch immer das laufen soll. Aber da mein Sohn wahrscheinlich eh nur jeden zweiten Tag in die Schule gehen kann, ist es im Prinzip auch schon egal…

Leben am Limit – oder ein Sonntag in der Boulderwelt

Meine Kinder lagen mir schon seit einigen Tagen mit dem Wunsch in den Ohren wieder mal klettern gehen zu wollen. Sie waren mit ihrem Papa vor Weihnachten mal in der Boulderwelt und das hatte ihnen wohl großen Spaß gemacht. Mein Mann warnte mich zwar vor, dass es etwas voller werden könnte und man auch viel in Action ist, da man auf die Kleinen beim Klettern aufpassen muss und sie durch verschiedene Übergänge problemlos die Räume wechseln. Also machte es Sinn, dass wir zu zweit gingen und jeder auf ein Kind aufpassen konnte.

Wir sind Frühaufsteher, daher waren wir schon vor 10 Uhr unterwegs. Früh genug, dachte ich, aber das war ein großer Fehler wie sich bald herausstellen würde. An der Kasse angekommen, musste ich mich erstmal an einem Computer registrieren, denn ansonsten konnte mich der nette Mann in der Kasse nicht finden. Das erste Problem gab es schon beim Einlass. Ich habe bei der Hochzeit nicht den Nachnamen meines Mannes angenommen – daher wollte der freundliche Mitarbeiter uns keine Familienkarte ausstellen. Zwar bezeugten mein Mann, ich und auch unsere Kinder, dass ich die Mutter bzw. die Ehefrau bin, aber das System wollte mich nicht für die Familienkarte akzeptieren. Ein Zeichen, was mir aber erst im Nachhinein bewusst wurde. Es dauerte einige Minuten aber dann konnte das Problem doch noch gelöst werden. Also gingen wir frohen Mutes die Treppen hinauf zum Kinderbereich der Boudlerwelt.

Ich wusste nicht, was ich mir vorgestellt hatte, aber es war definitiv irgendwie mehr, denn ich war leicht enttäuscht. Es waren drei Räume, ein großer und zwei kleinere, mit Klettermöglichkeiten. Der eine Raum war für einen Kindergeburtstag gesperrt, die zwei anderen schon recht gut besucht. Meine Kinder schossen los und kletterten fleißig. Vielleicht war ich erst noch sehr auf meine Kinder fokussiert, so dass ich nicht merkte, was um mich rum geschah, doch irgendwann (sagen wir mal 10 Minuten später) schien die Konzentration nachzulassen, ich drehte mich um und fühlte mich wie beim ausverkauften Open-Air-Konzert im Innenraum des Olympiastadions. Es war gefühlt kein Durchkommen mehr. Während die Kinder noch an den Wänden ausweichen konnten, sammelten sich die Erwachsenen zentral in den Räumen.

Schnell fiel mir auf, dass ich vollkommen underdressed war. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, bequeme Kleidung anzuziehen, wenn ich auf meine Kinder aufpasse? Ich hätte die funktionale Outdoor-Kombination aus dem Schrank ziehen müssen. Funktionsshirt, Outdoorhose mir praktischem Bein-Zip und ganz wichtig: das kleine Kreidesäckchen am Gürtel. Man muss ja auf alles vorbereitet sein. Es ist auch nicht mehr gefüllt mit Magnesium, sondern Chalk. Ich war also unter den Pros gelandet. Das sah ich nicht nur, sondern das roch ich aus. Eine leichte Zwiebelnote verteilte sich in den Räumen. Man musste nicht nur seine Sportlichkeit mit Kleidung zur Schau stellen, man musste den Fleiß und die harte Arbeit auch riechen können. Wenn ich meine Augen geschlossen hätte, hätte ich auch beim Zwiebelkuchen-Wettessen sein können. Die wahrscheinlich bessere Alternative…

Natürlich interessierte mich umso mehr, wie sie das für ihre Kinder nutzten. Ich schärfte den Blick und sucht die Cracks, die ganz oben an der Wand entlang kletterten, doch ich wurde enttäuscht. Die Eltern standen hinter den lieben Kleinen und mussten sie brav festhalten, denn die meisten konnten kaum laufen. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die sich jetzt fragt, warum man mit einem Kleinkind, was kaum laufen kann, in die Boulderwelt geht? Können die Kinder dann einfach die Wände hochkrabbeln? Ist Chalk so gut, dass aus den kleinen Pupsern mit ein bisschen Wunderpulver die Spidermans von morgen werden? Es war leicht anstrengend, denn die ambitionierten Eltern redeten mit Engelszungen auf ihren Nachwuchs ein: „Toll, machst du das!“ „Gleich hast du es geschafft.“ „Nur noch ein Meter!“ – Problem an der Sache war nur, dass das ganze Hindernis nur 1,50 Meter hoch war. Wir stellten uns also brav in die Reihe, damit auch die größeren Kindern hätten klettern können – ohne Gefahr den Kleinen auf den Kopf zu fallen. Es gab das besagte 1,50 Meter-Hindernis, wo man erst hochklettern und dann runterrutschen konnte. Zwei Kinder vor uns – 15 Minuten Wartezeit. Geduld war nicht meine Stärke und mein Mann strafte mich mit bösen Blicken, weil man mir meine Begeisterung mal wieder ablesen konnte.

Ich versuchte mich zusammenzureißen, aber als die nächste Mutti-Gruppe mit Säuglingen kam, kam ich an meine Grenze. Ich finde es gut, dass man seine Kinder überall mit hin nimmt und ihnen früh viel zeigt und Abwechslung bietet, aber das Ganze erschloss sich mir wirklich nicht. Und das zweite große Problem war einfach die Masse an Menschen. Der doch überschaubare Bereich war dafür einfach nicht ausgelegt. Meine Kinder verloren auch schnell den Spaß, worüber ich nicht ganz traurig war. Wir motivierten sie erneut und ich bemühte mich noch mehr, mich zusammenzureißen. Als aber in dem nicht belüfteten Raum die ambitionierte Mutti ihre kleine Tochter, liebevoll von mir Schildkröte getauft, da sie maximal zwei Meter pro Stunde kletterte, mit einer vollen Windel die Kletterwand hinaufschob, war das Ende gekommen. Vielleicht hätte ich mir etwas Chalk in die Nase reiben sollen oder alle hofften noch, dass die gute Funktionskleidung auch die unangenehmen Gerüche schnell abtransportierte, aber meine Geduld war am Ende. So erlebten meine Familie und ich nicht mehr, welche Gipfel Schildkröte noch mit dem Extragewicht erklommen konnte, aber ich wusste: Nächstes Mal lieber Freiluft-Klettern!