Leben am Limit – oder ein Sonntag in der Boulderwelt

Meine Kinder lagen mir schon seit einigen Tagen mit dem Wunsch in den Ohren wieder mal klettern gehen zu wollen. Sie waren mit ihrem Papa vor Weihnachten mal in der Boulderwelt und das hatte ihnen wohl großen Spaß gemacht. Mein Mann warnte mich zwar vor, dass es etwas voller werden könnte und man auch viel in Action ist, da man auf die Kleinen beim Klettern aufpassen muss und sie durch verschiedene Übergänge problemlos die Räume wechseln. Also machte es Sinn, dass wir zu zweit gingen und jeder auf ein Kind aufpassen konnte.

Wir sind Frühaufsteher, daher waren wir schon vor 10 Uhr unterwegs. Früh genug, dachte ich, aber das war ein großer Fehler wie sich bald herausstellen würde. An der Kasse angekommen, musste ich mich erstmal an einem Computer registrieren, denn ansonsten konnte mich der nette Mann in der Kasse nicht finden. Das erste Problem gab es schon beim Einlass. Ich habe bei der Hochzeit nicht den Nachnamen meines Mannes angenommen – daher wollte der freundliche Mitarbeiter uns keine Familienkarte ausstellen. Zwar bezeugten mein Mann, ich und auch unsere Kinder, dass ich die Mutter bzw. die Ehefrau bin, aber das System wollte mich nicht für die Familienkarte akzeptieren. Ein Zeichen, was mir aber erst im Nachhinein bewusst wurde. Es dauerte einige Minuten aber dann konnte das Problem doch noch gelöst werden. Also gingen wir frohen Mutes die Treppen hinauf zum Kinderbereich der Boudlerwelt.

Ich wusste nicht, was ich mir vorgestellt hatte, aber es war definitiv irgendwie mehr, denn ich war leicht enttäuscht. Es waren drei Räume, ein großer und zwei kleinere, mit Klettermöglichkeiten. Der eine Raum war für einen Kindergeburtstag gesperrt, die zwei anderen schon recht gut besucht. Meine Kinder schossen los und kletterten fleißig. Vielleicht war ich erst noch sehr auf meine Kinder fokussiert, so dass ich nicht merkte, was um mich rum geschah, doch irgendwann (sagen wir mal 10 Minuten später) schien die Konzentration nachzulassen, ich drehte mich um und fühlte mich wie beim ausverkauften Open-Air-Konzert im Innenraum des Olympiastadions. Es war gefühlt kein Durchkommen mehr. Während die Kinder noch an den Wänden ausweichen konnten, sammelten sich die Erwachsenen zentral in den Räumen.

Schnell fiel mir auf, dass ich vollkommen underdressed war. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, bequeme Kleidung anzuziehen, wenn ich auf meine Kinder aufpasse? Ich hätte die funktionale Outdoor-Kombination aus dem Schrank ziehen müssen. Funktionsshirt, Outdoorhose mir praktischem Bein-Zip und ganz wichtig: das kleine Kreidesäckchen am Gürtel. Man muss ja auf alles vorbereitet sein. Es ist auch nicht mehr gefüllt mit Magnesium, sondern Chalk. Ich war also unter den Pros gelandet. Das sah ich nicht nur, sondern das roch ich aus. Eine leichte Zwiebelnote verteilte sich in den Räumen. Man musste nicht nur seine Sportlichkeit mit Kleidung zur Schau stellen, man musste den Fleiß und die harte Arbeit auch riechen können. Wenn ich meine Augen geschlossen hätte, hätte ich auch beim Zwiebelkuchen-Wettessen sein können. Die wahrscheinlich bessere Alternative…

Natürlich interessierte mich umso mehr, wie sie das für ihre Kinder nutzten. Ich schärfte den Blick und sucht die Cracks, die ganz oben an der Wand entlang kletterten, doch ich wurde enttäuscht. Die Eltern standen hinter den lieben Kleinen und mussten sie brav festhalten, denn die meisten konnten kaum laufen. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die sich jetzt fragt, warum man mit einem Kleinkind, was kaum laufen kann, in die Boulderwelt geht? Können die Kinder dann einfach die Wände hochkrabbeln? Ist Chalk so gut, dass aus den kleinen Pupsern mit ein bisschen Wunderpulver die Spidermans von morgen werden? Es war leicht anstrengend, denn die ambitionierten Eltern redeten mit Engelszungen auf ihren Nachwuchs ein: „Toll, machst du das!“ „Gleich hast du es geschafft.“ „Nur noch ein Meter!“ – Problem an der Sache war nur, dass das ganze Hindernis nur 1,50 Meter hoch war. Wir stellten uns also brav in die Reihe, damit auch die größeren Kindern hätten klettern können – ohne Gefahr den Kleinen auf den Kopf zu fallen. Es gab das besagte 1,50 Meter-Hindernis, wo man erst hochklettern und dann runterrutschen konnte. Zwei Kinder vor uns – 15 Minuten Wartezeit. Geduld war nicht meine Stärke und mein Mann strafte mich mit bösen Blicken, weil man mir meine Begeisterung mal wieder ablesen konnte.

Ich versuchte mich zusammenzureißen, aber als die nächste Mutti-Gruppe mit Säuglingen kam, kam ich an meine Grenze. Ich finde es gut, dass man seine Kinder überall mit hin nimmt und ihnen früh viel zeigt und Abwechslung bietet, aber das Ganze erschloss sich mir wirklich nicht. Und das zweite große Problem war einfach die Masse an Menschen. Der doch überschaubare Bereich war dafür einfach nicht ausgelegt. Meine Kinder verloren auch schnell den Spaß, worüber ich nicht ganz traurig war. Wir motivierten sie erneut und ich bemühte mich noch mehr, mich zusammenzureißen. Als aber in dem nicht belüfteten Raum die ambitionierte Mutti ihre kleine Tochter, liebevoll von mir Schildkröte getauft, da sie maximal zwei Meter pro Stunde kletterte, mit einer vollen Windel die Kletterwand hinaufschob, war das Ende gekommen. Vielleicht hätte ich mir etwas Chalk in die Nase reiben sollen oder alle hofften noch, dass die gute Funktionskleidung auch die unangenehmen Gerüche schnell abtransportierte, aber meine Geduld war am Ende. So erlebten meine Familie und ich nicht mehr, welche Gipfel Schildkröte noch mit dem Extragewicht erklommen konnte, aber ich wusste: Nächstes Mal lieber Freiluft-Klettern!