Ode an meine Oma

Ich hatte das große Glück im Leben, dass ich wirklich zwei wundervolle Omas hatte, mit denen ich und meine Schwestern viel Zeit verbringen durften. Auch wenn beide zu früh von uns gegangen sind, bin ich sehr dankbar für die gemeinsame Zeit.

Während meine eine Oma in einer Stadt lebte und träumte, die Welt zu bereisen und dies auch tat, lebte meine andere Oma zufrieden auf dem Land. Manchmal wurde sie etwas belächelt, weil sie ja die ländliche, nicht weit gereiste Frau vom Lande war, aber sie war die einzige, die aus bedingungsloser Liebe zu ihren Enkeln, immer über ihren eigenen Schatten gesprungen ist und einen Schritt auf Leute zugemacht hat, den sie ansonsten wohl nicht getan hätte. Das Tollste war, dass wir bei ihr nichts „falsch“ machen konnten. Man durfte so sein, wie man ist und egal, was man tat – es war immer richtig. Jedes Mal wenn wir zum Essen bei ihr waren, stürmten wir in die Küche, probierten uns durch alle Kochtöpfe und sagten dann immer: „Igitt – Oma das schmeckt alles widerlich. Das kannst du keinem anbieten.“ Sie lächelte dann immer nur, denn sie wusste, dass wir das sagten, weil wir alles alleine essen wollten. Ansonsten gab es aber auch viel zu lachen. In Zeiten der modernen Technik kam Oma manches Mal an ihre Grenzen. Wir reden jetzt nicht von Smartphone, Wlan oder so, sondern einfach vom Handy. Als sie mich einmal anrief und fragte: „Wo bist du denn?“ sagte ich: „Ich gehe gerade mit einer Freundin durch die Stadt!“ „Wie? Mit Kabeltrommel?“ Oder als sie das erste Mal meine Mailbox benutzte: „Nina? Nina? Hallo! Nina? Ich habe doch gerade deine Stimme gehört? Nina? Hallo? Hörst du mich…“ Es war die längste Mailbox-Nachricht, die ich jemals hatte und die ich auch nicht gelöscht habe.

Lustig war auch, als meine Schwester ihren chinesischen Freund, der bereits seit Jahren in Deutschland lebte und perfekt Deutsch konnte, mit zum Essen brachte. Den Vorurteilen sei Dank, dachte Oma erst, dass sie das Essen in kleine Teile zerschneiden musste. Schließlich kannte sie es so vom chinesischen Restaurant. Wir konnten sie dann aber überzeugen, dass man das Schnitzel schon ganz lassen konnte. Wenn sie mit ihm sprach, wurde sie extrem laut und sprach ganz langsam: „Es-sen Sie Schnit-zel? Ken-nen Sie Erd-beeren?“ Total gut, weil er als Journalist in Deutschland arbeitete, aber das waren halt ihre Vorstellungen. Er kannte sowohl Erdbeeren, aß Schnitzel und sichert sich somit die Sympathien.

Oma konnte aber auch sehr eindringlich sein. Wenn bei ihr in der Stadt der Juwelier gerade Aktionswochen hatte, mussten wir vorbeikommen und uns etwas aussuchen. So günstig kommt man da sonst nie dran… Okay, es gibt schlimmeres und auch, dass auf dem Weg zum Juwelier die Eisdiele lag, hätte schlimmer sein können. Allerdings vergaß sie einmal, als wir schon beim Eis essen waren, ihre Geldbörse. Wir bekamen den Auftrag solange munter Eis zu ordern und zu essen, bis sie das Geld von sich zu Hause geholt hatte. Oma war nicht mehr ganz die flotteste und nach der dritten Runde Eis war uns allen echt schlecht und wir griffen freiwillig zu Wasser und hofften, dass sie bald wiederkommen würde. Auch zu Zeiten als sie noch Auto fuhr kündigte sich Oma schon von weitem an. Hinter ihrem roten Golf 2 fuhren mindestens 20 entnervte Autos, denn Oma fuhr nicht schneller als 30 maximal 40 km/h. Irgendwann sah sie dann auch ein, dass Autofahren keinen Sinn mehr machte. Allerdings hatte sie ja ihre motorisierte Freundin Mariechen, mit der sie dann fröhlich durch die Gegend fuhr. Mariechen klingt im ersten Moment harmlos, aber als ich Mariechen und Oma mit locker mit 80 km/h durch die Stadt fuhren sah, kamen mir da so die Zweifel. Die zwei  waren zwar ein Anblick für die Götter, aber auch eine Gefahr im Straßenverkehr. Schön war auch, als meine Oma mit meiner Schwester und mir Biathlon guckte. Wir feuerten fleißig unseren Favoriten Ole Einar Bjoerndalen an, während Oma etwas gelangweilt im Sessel saß. Irgendwann platzte es aus ihr heraus: „Ich gucke ja lieber Fußball.“ Wir nickten nur zustimmend. „Ich mag den Oliver Kahn. Der hat so schöne Schenkel!“ Auf dieses Statement waren wir nicht vorbereitet – schon gar nicht von unser über 80järigen Oma.

Ich wünschte, meine Oma hätte die Geburt meiner Kinder noch miterleben können. Ich wünschte auch, ich könnte ein Stück von ihr in mir bewahren – nicht nur in meiner Erinnerung. Kein Ort war für mich als Kind und auch jetzt noch in meiner Erinnerung so heile wie bei ihr. So einen Ort wünsche ich meinen Kindern und eigentlich jedem. Eine heile Welt, wo alles gut ist – egal was man tut. Danke Oma, dass du Teil meines Leben warst und ich diesen Ort kennenlernen durfte.

5 Gedanken zu “Ode an meine Oma

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