Ausflug ins…

Jeder, der Kinder hat, kennt das Gefühl des Auswanderns, wenn man eigentlich nur einen Tagesausflug machen will. Da meine Mutter und ihr Mann Urlaub am Chiemsee machten, entschlossen wir uns, sie dort zu besuchen. Wir waren in diesem Fall, meine Kinder, mein Mann, meine Schwester, ich und zwei Hunde. Es gab also einiges neben uns, dem Kinderwagen, Wickeltasche und Co im Auto zu verstauen. Doch wir kamen pünktlich los und alles schien gut zu funktionieren. Ich saß gequetscht zwischen einem Maxi Cosi und einem Kindersitz auf der Rückbank und wünschte mir, schmaler zu sein. Doch die Fahrt würde ja nur etwas mehr als eine Stunde betragen – da musste ich durch.

Natürlich gaben wir brav Meldung per Telefon, dass wir pünktlich abgefahren sind und wohl auch pünktlich gegen 11 Uhr da sein werden würden. Meine Mutter beschloss sich schon um Tickets für die Fähre zu kümmern, da wir zur Fraueninsel im Chiemsee fahren wollten. Eine Bootstour ist bestimmt aufregend für den Enkel…Mein Sohn war allerdings nicht so begeistert, er hatte keine Lust auf die Autofahrt, keine Lust auf die Bootfahrt und zu einem See wollte er auch nicht. Jackpot also! Der See wäre vielleicht interessanter für ihn gewesen, wenn es warm gewesen wäre und er im Wasser hätte planschen können, aber es war Anfang April und auch wenn die Sonne schien, hatte es gerade mal 10 Grad. Wir waren alle erleichtert, dass wir schon vor elf Uhr da waren, denn meine Mutter war jetzt nicht der größte Fan von Verspätungen. Wir parkten bei ihrem Hotel und machten uns dann auf in Richtung Fähre. „Ich muss Pipi!“ Ein allseits beliebter Satz bei Eltern, also änderten wir die Route und bogen ab Richtung Toilette. Meine Mutter und ihr Mann samt Hund gingen weiter Richtung Fähre, um gute Plätze freizuhalten. Wenn mein Sohn schon auf die Toilette musste, dann ergriff ich auch gleich die Gelegenheit ebenso wie mein Mann und meine Schwester. Wir ahnten nichts Böses, als wir aus der Toilette kamen und zwei wild winkenden Menschen auf der Fähre sahen, deren Miene jetzt nicht vor Fröhlichkeit und Freude glänzten. Mein Mann nahm meinen Sohn auf den Rücken, ich schnappte mir den Kinderwagen mit meiner Tochter und meine Schwester rannte mit zwei Hunden und der Wickeltasche. Wie die Irren schossen wir in Richtung Ableger. Man hatte fast das Gefühl, es ginge um Leben und Tod als wir Vollspeed auf der Fähre ankamen. „Wieso braucht ihr denn so lange? Die Fähre legt gleich ab,“ sagte meine Mutter strafend. „Wir mussten noch auf Toilette.“ „Hier gibt es doch auch welche?“ „Das wussten wir nicht. Ist ja auch egal, hat ja alles noch gut geklappt,“ antwortete ich und setzte mich auf die reservierte Bank. Da saßen wir dann und nichts passierte. Mein Sohn wurde schon etwas quenkelig: „Wann geht es denn los? Stehen wir noch lange?“ „Es geht bestimmt gleich weiter,“ versuchte ich ihn zu beruhigen. Dann sagte der Mann meiner Mutter voller Weisheit: „Das scheint wohl schon die 11:15 Uhr Fähre und nicht mehr die 11:00 Uhr Fähre zu sein. Ihr ward eben einfach zu langsam.“ „Aber sitzt ihr nicht seit kurz vor 11 Uhr auf dieser Fähre,“ entgegnete ich. Keine Antwort. Damit ihm nicht langweilig wurde, fing mein Sohn an, die Hunde etwas zu unterhalten, was wiederum meine Mutter etwas unruhig werden ließ. Dann fuhr endlich das Boot los und alle schienen erleichtert. Meine Tochter schlief zum Glück und nach gefühlten zwei Minuten meinte mein Sohn nur: „Können wir aussteigen. Das gefällt mir nicht.“ Alle versuchten seine Meinung zu ändern. „Das ist doch toll, guck mal ein Schwan!“ „Hast du schon Fische gesehen?“ „Dahinten sieht man schon die Fraueninsel.“ Doch er ließ sich nicht erweichen. „Ich finde das doof. Das Schiff ist auch echt langsam.“ Wieder Schweigen im Wald.

Dann endlich waren wir am Ziel. Da es auch schon kurz vor 12 Uhr war und damit Mittagszeit für die Kinder, fing die Kleine an unruhig zu werden und der Große wiederholte mehrere Male: „Ich habe Hunger.“ Kurz auf den Lageplan geguckt, entschieden wir uns für den weitmöglichsten Weg zu Gaststätte, denn die Hunde mussten bewegt werden. Nicht unbedingt die beste Entscheidung mit zwei hungrigen Kindern und einem alten, schwergewichtigen Mann, der ein neues Hüftgelenk brauchte, aber sich derzeit noch selbst mit einer Krücke therapierte. Landschaftlich war es wirklich schön und die Laune aller Beteiligten wurde gerade besser, wenn die Hunde nicht hätten trinken wollen. An und für sich nichts schlimmes, aber der Zwergdackel meiner Schwester brauchte dabei Hilfe. Also ging sie mit ihm im Arm den schrägen Bootsableger runter Richtung Wasser. Womit wir alle nicht gerechnet hatten, waren die Algen. Sie fand keinen Halt auf dem rutschigen Untergrund und steuerte gradewegs in den Chiemsee! Erst als sie fast bis zur Hüfte im Wasser war, kam sie zum Stoppen. Mich kann man leider in so einer Situation vergessen, denn ich bin absolut schadenfroh. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei allen entschuldigen, die davon schon in den Genuss gekommen sind, aber ich kann nicht anders. Selbst jetzt könnte ich laut losbrüllen, wenn ich nur an die Situation dachte. Während ich also Tränen lachte, half mein Mann meiner Schwester. Die dastand mit nasser Hose, komplett nassen Schuhen und Socken und einem halbnassen Mantel. „Was machen wir denn jetzt?“ „Warum?“, fragte meine Mutter erstaunt. „Wir wollten doch mit den Hunden gehen?“ Wieder Schweigen. Wir zogen das Tempo an und meine Schwester ging eisern mit – bei 10 Grad! Nach ein paar Metern verloren wir die Männer. Die Krücke war wohl doch nicht so die beste Idee, also legte sich der Mann meiner Mutter mehr oder weniger auf den Kinderwagen und nutzte diesen als Rollator, während mein Mann einen auf Zivi machte. Es dauerte zwar etwas, aber dann war der erste Teil unserer Reisegruppe beim Gasthof. Schnell gingen wir rein und suchten uns einen Tisch. Doch wo war meine Mutter? Sie folgte uns nur widerwillig? „Warum sitzen wir bei dem Sonnenschein denn nicht im Biergarten?“ Nun ja, weil 10 Grad vielleicht nicht die beste Temperatur für ein Baby, ein Kleinkind und eine nasse Person waren? Wir fragten den Wirt nach einer Decke. So konnte sich meine Schwester wenigstens von ihren nassen Klamotten befreien, und ich gab ihr meine Socken und hing alles nasse über den Zaun in die Sonne. Sobald mein Sohn eine Bedienung sah, schrie er nur: „Ich will Pommes!“ Wir waren noch nicht mal vollständig, aber die Bedienung merkte die Dringlichkeit. Als dann der Rest von uns eintrudelte, kamen auch schon die Pommes. Ich hatte etwas Angst, dass er jetzt gleich meckerte, dass sie ihm zu heiß waren, aber anders als sonst, aß er gleich drauf los. Die Situation entspannte sich etwas und alle bestellten Essen, Getränke und schienen halbwegs zufrieden. Zwar musste noch dreimal erklärt werden, warum wir jetzt nicht im Biergarten saßen, aber das lassen wir mal so stehen. Natürlich war mein Sohn mit dem Essen fertig, als unsere Speisen kamen. Wie man es gewohnt ist, aß man einfach etwas schneller und zack konnte mein Mann mit ihm auf den Spielplatz gehen. „Das ist aber auch immer ungemütlich mit euch!“, meckerte meine Mutter. Sie hatte ja Recht, aber ein nörgelndes Kind am Esstisch ist auch nicht wirklich entspannter.

Nach dem Essen waren die Kleidung meiner Schwester schon etwas trockener. Wir beschlossen noch einen Kaffee auf dem „Festland“ zu trinken und machten uns auf in Richtung Bootableger. Mein Sohn wollte natürlich auf dem Spielplatz bleiben. Er wollte erst gehen, wenn er Oma gezeigt hatte, wie er rutscht. Aber Oma konnte nicht auf den Spielplatz- sie hatte ja den Hund dabei. Dann standen wir alle am Ableger und warteten und warteten. Diesmal lag es nicht an uns, aber keine Fähre weit und breit. Gefühlt dauerte es Stunden bis endlich eine Fähre in Sicht war. Mein Sohn hatte nach ein paar Minuten auch keine Lust mehr, den Steg auf und ab zu rennen. „Hier sind überall Mücken! Ich will nach Hause.“ Meine Mutter und ihr Mann verdrehten nur die Augen. „Das sind keine Mücken, die stechen nicht,“ versuchte ich ihn zu beruhigen. Keine Ahnung, was es für Insekten waren, aber auch mich nervten die den ganzen Tag und machten mich wahnsinnig. Die Fähre kam und alle sehnten sich nur noch ans Festland. Ich wollte wenigstens noch ein schönes Stück Kuchen und eine leckere Tasse Kaffee trinken, damit sich dieser Ausflug gelohnt hatte, aber es kam anders. Glücklicherweise konnte man das versprochene Eis auch am Hafenkiosk kaufen und Kaffee gab es dort auch. Was für ein gelungener Ausflug, dachte ich für mich, als ich ohne Kuchen am Spielplatz stand und einen Schluck lauwarmen Filterkaffe aus dem Plastikbecher nahm. Herrlich…

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