Die Herrin der Lage

Nachdem ich schon einen kleinen Einblick über einen Teil meiner Familie geben durfte, möchte ich jetzt noch etwas mehr einen Eindruck von mir geben. Natürlich könnte ich jetzt alles aufzählen und schreiben, wie ich mich gerne sehen und gesehen werden würde, aber ich habe mich dann doch für die Authentizität entschieden – auch wenn das nicht immer leicht ist. Mein Therapeut fragte mich mal, was ich gerne wäre. Ich sagte voller Überzeugung: „Unkompliziert.“ Er lächelte mich milde an und sagte: „Wir wollen doch die Kirche im Dorf lassen.“ Das trifft es schon ganz gut. Ich bin in vielen Punkten wohl eher besonders.

Ich kann mich sehr schnell für etwas begeistern. Meine näheres Umfeld weiß genau, was ich meine. Mit einer Freundin damals in „8 Mile“ gewesen. Weder fand ich den Film gut, noch Eminem, aber am nächsten Tag wachte ich auf und dachte nur: „Geiler Scheiß – Eminem ist der Beste und ich lebe für Rap.“ Mit meinem Vater auf einem Aerosmith-Konzert gewesen, welches ich auch gut, aber nicht kernerschütternd fand – nächster Morgen: „Aerosmith beste Band der Welt.“ Zack bei amazon sämtliche Biographien der Mitglieder gekauft und alle Alben runtergeladen. Ich bin diejenige, die die verbotene Botschaft zwischen den Zeilen liest. Kauf mich, kauf mich – jawohl gekauft! Neben dieser positiven Beklopptheit habe ich aber einen recht starken Willen und Disziplin. Das erste Mal, als ich mit meinem jetzigen Mann joggen war, muss ich gestehen, war er wesentlich fitter als ich, aber auch wesentlich gemeiner. Er ist zwei Meter, ich nicht! Er hat Beine zum Himmel – ich nicht! Er war gewohnt zu joggen – ich nicht! Dennoch entschlossen wir uns, gemeinsam eine Runde laufen zu gehen. Als wir am Park ankamen, war ich bereits hochrot, außer Atem und sehnte mich nach einem Sauerstoffzelt, während er noch leichtfüßig neben mir her tänzelte. „Nur keine Blöße geben“, war mein Motto und so ließ ich mir – außer vielleicht meiner Gesichtsfarbe und der seltenen Stille zwecks Luftmangels – nichts anmerken. Stolz zog ich mit ihm eine Runde durch den Park. Wieder am Parkeingang angekommen, bog ich ab in Richtung Straße, in Richtung zu Hause, in Richtung Dusche, in Richtung Erlösung, aber ich hörte nur: „Wo willst du hin?“ Mit letzter Luft hauchte ich nur: „Nach Hause!“ „Was? Ich bin noch nicht mal aufgewärmt! Was soll das denn? Wir sind doch gerade erst los gelaufen?“ Das war das Ende unser gemeinsamen Jogginglaufbahn, aber ich ließ mich zumindest nicht soweit entmutigen, dass ich nicht auch alleine laufen konnte. Es dauerte zwar ein bisschen, aber mittlerweile bin ich fitter als er. Zumindest in der Momentaufnahme.

Da ich auch sehr emotional und aufbrausend bin und mein Mann dies öfter zu spüren bekommt, als ihm lieb ist, war seine größte Panik, dass ich während der Geburt unseres Kindes und der Schmerzen, unfair und ausfallend werden könnte. Dabei habe ich mich doch fast immer im Griff – not! Ich halte mich zwar gegenüber Dritten sehr zurück, aber mein engeres Umfeld kann schon mal in den Genuss emotionaler Entgleisungen meinerseits kommen – ohne dass sie schuld sind. Doch ich kann mich auch zusammenreißen. Während der zum Glück nur vier Stunden intensiver Wehen, blieb ich freundlich und charmant. Meine Hebamme sagte ganz begeistert: „Sie lächeln immer, wenn wir in den Kreissaal kommen.“ Oder „Sie lächeln ja immer noch!“ Wenn die wüsste, was zwischen meinen Ohren los war und welche Nettigkeiten ich am liebsten in die Welt hinaus geschrien hätte, aber ich war zu stolz! Auch als mein Arzt kam, war ich noch in der Lage einen kurzen Plausch zu halten, bis er mich erlöste und sagte: „Wollen wir denn jetzt entbinden?“ „Ach, wenn Sie mich schon so fragen…“.

Ich glaube auch, dass ich sehr organisiert und strukturiert bin, umso mehr hadere ich mit mir, wenn ich meine eigenen Erwartungen nicht erfüllen kann. Doch manchmal ist das auch tragisch-komisch. Ich werde nie vergessen, wie ich mit meinem Sohn einfach mal ohne Papa spontan zum Schwimmen gefahren bin. Meist hat mein Mann das gemacht, aber was der kann, kann ich doch auch. Es war alles wunderbar, wir hatten Spaß. Ich wunderte mich nur, warum mein Sohn so einen Druck auf der Blase hatte. Schon nach ein paar Sekunden war seine Schwimmwindel prall gefüllt und zog ihn etwas in die Tiefe. Unbeirrt tobten wir weiter durchs Becken und planschten. Wir hatten Spaß trotz des Ballasts. Erst als wir uns eine Pause gönnten und wir Babybecken gingen, fiel mir auf, dass ich ihm keine Schwimmwindel, sondern einen normalen Windelslip angezogen hatte. Upps…

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