Wer holt denn jetzt die Nudeln?

Um schon einmal einen kleinen Eindruck von meiner Familie zu vermitteln, gehe ich ein paar Jahre zurück. Es war zwar erst Oktober, doch die Weihnachtsvorbereitungen gingen schon in die heiße Phase. Es war gar nicht so einfach, das Essen an Heiligabend für fünf Menschen zu koordinieren. Relativ schnell zeichnete sich ab, dass wir am 1. Weihnachtsfeiertag essen gehen wollten und an Heiligabend sollte sich der Aufwand in Grenzen halten, da zum einen meine Mutter, ihr Mann und meine kleine Schwester zu Besuch zu uns kamen (damals noch kinderlos), und unsere Küche auch nicht zwingend die Kapazitäten für ein üppiges Mahl hatte. Wir entschlossen uns für Nudeln – lecker, schnell gemacht und eigentlich machen Nudeln glücklich, doch diese Nudeln hatten definitiv einen Haken. Meine Mutter ist nicht gerade dafür bekannt Kohlehydrate zu befürworten – schon gar nicht abends. Sie willigte dennoch ein. Aber es war ja Heiligabend, also durften es ja keine alltäglichen Nudeln sein. Nein, sie wollte die Nudeln von Dallmayr. Bis zu dem Zeitpunkt konnte ich auch damit leben – es war Oktober und daher fand ich die Planung auch noch nicht so akut. Doch auch bei Dallmayr-Nudeln schien es feine und kleine Unterschiede zu geben, über deren Ausmaß ich mir noch gar keine Vorstellungen machen konnte. Nun ja, wir wussten also, was wir essen und wo wir das Essen kauften. Doch mit der Wahl der Nudeln schien meine Mutter noch etwas zu hadern. Das von nun an tägliche Telefonat im Oktober lautete ungefähr so:

Mutter: „Also wir essen jetzt wirklich nur Nudeln an Heiligabend.“

Ich: „Ja, hatten wir ja gesagt. Ich kann ja noch einen Salat vorher machen.“

Mutter: „Ja, Salat ist gut. Aber Nudeln?“

Ich: „Es sind ja nicht irgendwelche Nudeln, wir holen ja extra welche von Dallmayr.“

Mutter: „Ah okay. Aber die frischen, oder?“

Ich: „Ja, die frischen.“

Im November schien sie akzeptiert zu haben, dass wir Nudeln essen.

Mutter: „Das mit den Nudeln ist eine gute Idee – dann hast du nicht so viel Aufwand.“

Ich: „Ja, das stimmt. Nudeln gehen schnell und sind lecker.“

Mutter: „Bei Dallmayr haben wir schon einmal Trüffelnudeln gegessen. Die waren der Wahnsinn! Hol Trüffelnudeln!“

Ich: „Klar, holen wir Trüffelnudeln. Isst meine Schwester die denn?“

Mutter: „Frage ich sie mal. Sonst hol doch auch noch welche mit Steinpilz-Füllung, dann ist für jeden was dabei.“

Weder ich noch meine Schwester brauchen Trüffel und sind Fan von Steinpilzen, aber was tut man nicht alles für ein gesegnetes Fest.

Im Dezember wurde die Planung dann ganz konkret.

Mutter: „Deine Schwester will weder Trüffel noch Steinpilz-Nudeln. Was machen wir jetzt?“

Ich: „Dann kaufen wir noch eine Sorte, die sie auch isst.“

Mutter: „Wird das denn nicht zu viel?“

Ich: „Wir können ja Trüffel oder Steinpilz weglassen?“

Mutter: „Bloß nicht – es ist ja schließlich Heiligabend und wenn schon Nudeln…“

Ich: „Dann kaufen wir halt noch eine dritte Sorte.“

Mutter: „Aber nur Tagliatelle oder so – nichts gefülltes. Dann wird es wieder so teuer.“

Ich: „Alles klar, machen wir.“

Mutter: „Hast du denn überhaupt genug Töpfe?“

Ende der Diskussion. Ich hätte nie gedacht, was Nudeln für einen organisatorischen Aufwand mit sich bringen. Soße oder nicht? Parmesan oder lieber purer Geschmack? Man hätte endlos diskutieren können. Zum Glück stand direkt fest, dass es kein Dessert gab. Am Abend setzt das doch nur an…

Weihnachten rückte immer näher. Wir wussten jetzt, dass wir drei verschiedene Sorten Nudeln essen würden, ohne Soße, nur mit Parmesan und in Butter geschwenkt. Doch ich hatte ein wichtiges Detail vergessen:

„Wer holt denn jetzt die Nudeln?“

Ich: „Keine Ahnung. Kann ich doch ein paar Tage vorher in die Stadt fahren und die kaufen.“

Mutter: „Das sind frische Nudeln, die kannst du nicht vorher kaufen. Die müssen ganz frisch gemacht sein. Dann musst du am 24. zu Dallmayr.“

Ich: „Alles klar. Gehe ich oder meine Schwester hin.“

Mutter: „Am 24. Ist es doch immer so voll in der Stadt.“

Ich: „Das mag sein, aber lässt sich ja nicht ändern.“

Mutter: „Soll ich die Nudeln holen? Unser Hotel ist ja quasi neben Dallmayr und ich wollte eh in die Stadt.“

Ich: „Das ist doch eine klasse Idee. So machen wir es.“

Mutter: „Aber mein Flieger kommt erst gegen Mittag an. Das wird zu knapp.“

Das Ende vom Lied: Meine Schwester fuhr am 24. in die Stadt, stand stundenlang für ein paar frische Nudeln – selbstverständlich Trüffel und Steinpilz – in der Schlange und über den Preis für diesen Gaumenschmaus schweigen wir einfach mal.

Dann war es endlich soweit: das große Festessen konnte beginnen. Mit meinen drei Töpfen hatte ich es geschafft, drei verschiedene Sorten Nudeln al dente zu kochen. Was sollte also noch schief gehen? Die Gourmets nahmen Platz am Tisch und es wurde geschlemmt. Die erste Portion Nudeln wurde serviert und der Mann meiner Mutter tauchte in eine wahre Lobeshymne ein: „Ein Wahnsinn dieser Trüffelgeschmack! Da ist noch echter Trüffel drin – nicht nur dieses Trüffelöl. Diese fein abgestimmten Nuancen…“ Ich fand die Nudeln okay – im Angesicht ihres Preises auch nicht übertrieben toll und irgendwie vermisste ich den Trüffelgeschmack, aber vielleicht verfügte ich nicht über so eine Kenner-Zunge. Dann ging es los zu Runde 2. Die Einteilung der Nudel pro Person sollte ja reichlich gut überlegt sein. Ich servierte die nächste Runde und siehe da, die Begeisterung nahm kein Ende: „Die schmecken aber auch toll. Auch nicht nur nach Steinpilz, sondern etwas mehr auch noch nach Trüffel.“ Ach was? Das war Trüffel! Ein Glück, dass meine Schwester sich direkt für Spinat-Ricotta entschieden hatte. Die konnten wegen ihrer Farbe gleich richtig zugeordnet werden. Oder schmeckte ich da auch einen Hauch von Trüffel?

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